Mentalisieren und prämentalistische Modi

Mentalisieren ist eine grundlegende psychische Funktion, die wir ständig nutzen, um menschliches Verhalten aus inneren Zuständen zu erklären. Mentalisieren fragt, welche Gefühle, Motive, Gedanken, Absichten einem bestimmten Handeln zugrunde liegen – bei sich selbst und bei andren (“Wieso genau habe ich mich eigentlich gerade so verhalten?” / "Was mag in ihm vorgehen, dass er gestern so kurz angebunden war?"). Dabei ist Mentalisieren für uns so selbstverständlich, dass es schwierig ist, zu beschreiben und zu verstehen, was Mentalisieren genau bedeutet. Leichter ist es, Mentalisierungsstörungen zu beschreiben. Diese drücken sich in unterschiedlichen prämentalistischen Modi aus, die übliche Erlebensweisen in der frühen Kindheit darstellen und im Laufe der Entwicklung durch Mentalisieren integriert und überwunden werden.

Körper Modus

Der Körper-Modus zeichnet sich dadurch aus, dass Leib/Körper und Psyche bis zum neunten Lebensmonat eines Säuglings nicht differenziert sind. Zahlreiche klinische Symptome, wie z.B. Rumination, Essstörungen, „skin-picking“ oder Nägelkauen (Onychophagie oder Perionychophagie) sind Ausdruck dieses Modus. Patienten im Körper-Modus nehmen „mentale Zustände“ nur als physiologisch-körperliche Sensationen wahr und äußern diese aufgrund angeborener Tendenzen automatisch. Die Funktion des Leib-Körper-Modus ist analog der Qualität erster Beziehungserfahrungen die Grenzerfahrung. Nur über die Berührung der Haut kann sich ein Selbst entwickeln, wobei dieses nicht unbedingt an ein Objekt gebunden sein muss. Im Unterschied zum teleologischen Modus ist der Körper-Modus auf das Selbst und nicht auf den Anderen bezogen.

Teleologischer Modus

Für den Säugling ist eine gut funktionierende Umwelt überlebenswichtig. Da er selbst nicht ausdrücken kann, was er braucht, muss die Bindungsperson herausfinden, ob er Hunger, Durst oder Schmerzen empfindet. Das mentale Erleben vollzieht sich hier allein auf physiologischer Ebene. Die Umwelt muss funktionieren, um eigene innere Spannungszustände zu mindern.
In den persönlichen Beziehungen von bestimmten Patienten wird der teleologische Modus bei Spannungen schnell aktiviert. So ist ein Patient in diesem Modus unbedingt auf die Gegenwart anderer Menschen angewiesen. Die Beziehungspartner erwarten jedoch, dass solche Wünsche und Bedürfnisse gesteuert und kontrolliert werden und reagieren mit Ärger. Dies kann schnell eskalierende Konflikte nach sich ziehen.

Äquivalenz Modus

Wenn ein Kind Angst vor einem Tiger unter dem Bett hat, dann geht es davon aus, dass tatsächlich ein Tiger unter dem Bett ist. Beruhigt der gemeinsame Blick mit dem Vater unter das Bett, kann die Angst wieder ansteigen, wenn der Vater den Raum verlässt, weil „dann der Tiger wieder da ist“. Innere und äußere Welt werden als identisch erlebt. Gefühle von Bedrohung im Erwachsenenalter, in denen innere Ängste „zur Realität“ werden, finden sich in deutlicher Ausprägung bei verschiedensten Patienten. In bedrohlichen Situationen können auch ansonsten gut strukturierte Menschen im Äquivalenzmodus reagieren.

Als-Ob Modus

Etwa im Alter von drei bis vier Jahren beginnen Kinder Als-Ob zu spielen. Hiermit entwickelt sich eine Welt der Phantasie, die von der äußeren Welt entkoppelt ist. Bei Erwachsenen zeigt sich der Als-Ob-Modus zum Beispiel in Dissoziationszuständen oder – weniger deutlich – in einer rationalisierenden Sprache, die den Kontakt zum affektiven Erleben verloren hat. Kinder spielen Als-Ob: Sie betreten und verlassen das Spiel aktiv. Bei Erwachsenen ist das Spielerische der Kindheit verloren gegangen. Der Als-Ob-Modus bestimmt das Denken und Erleben und geht mit dem Fehlen von Gefühlen, insbesondere von Freude einher.